Gewalt am Arbeitsplatz im 20. Jahrhundert

Gewalt am Arbeitsplatz im 20. Jahrhundert

Organisatoren
Arbeitskreis Gewerkschaftsgeschichte im Kooperationsprojekt „Jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte“, Hans-Böckler-Stiftung / Friedrich-Ebert-Stiftung; Mareen Heying, Universität Düsseldorf; Nina Kleinöder / Sebastian Knoll-Jung, Universität Bamberg; Sebastian Voigt, Institut für Zeitgeschichte München
Ort
Bonn
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
23.11.2023 - 24.11.2023
Von
Philipp Urban, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum

Die Geschichte der Menschheit ist von gewalttätigen Momenten und Episoden der Gewalt durchzogen. Historisch werden allerdings zumeist „Großereignisse“ der Gewalt untersucht: Kriege, Revolutionen, Aufstände. In der Alltags-, Sozial- und Arbeitsgeschichte jedoch spielen bislang Phänomene der Gewalt nur eine untergeordnete Rolle. Gewalt war und ist dabei – trotz aller „Pazifizierungstendenzen“ in den (westlichen) Gesellschaften – Teil des alltäglichen Lebens. Die Tagung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung näherte sich der Geschichte der Alltagsgewalt durch unterschiedliche arbeitshistorische Zugriffe.

Nach der Begrüßung durch Michaela Kuhnhenne (Düsseldorf) und Alexandra Jaeger (Bonn) berichtete Nina Kleinöder (Bamberg) kurz stellvertretend für die Vorbereitungsgruppe der Tagung, zu der auch Mareen Heying (Düsseldorf), Sebastian Knoll-Jung (Bamberg) und Sebastian Voigt (München) gehörten, von der Genese des Tagungsthemas. Ihren Befund, die alltägliche Gewalt am Arbeitsplatz sei ein Desiderat der historischen Forschung, griff KLAUS WEINHAUER (Bielefeld) in seiner einführenden Keynote auf. Weinhauer zeigte die Breite des möglichen Verständnisses des Begriffs „Gewalt“, der sowohl körperlich, psychisch, sozial, strukturell wie ökonomisch verstanden werden kann. In seiner Darstellung des Forschungsstands wurde deutlich, dass man den Begriff seit den 1970er-Jahren immer breiter definierte, wobei er – so Weinhauer – seine begriffliche Schärfe verloren habe. Die neue sozialwissenschaftliche Gewaltforschung der 1990er-Jahre konzentrierte sich wieder verstärkt auf physische Gewalt. Gewalt wurde nun als kontextabhängige Form von Kommunikation verstanden, als Akteure wurden Täter:innen, Opfer und Dritte untersucht.
Die Gewaltforschung untersuchte lange vor allem das „Warum“ von Gewalt, erst seit Trothas „Soziologie der Gewalt“1 rückte auch das „Wie“ ins Zentrum des Forschungsinteresses. Dies gilt analog für die ältere Forschung zu Gewalt am Arbeitsplatz und für die ältere Streik- und Protestforschung.2 Weinhauer plädierte für ein enges Verständnis des Gewaltbegriffs, um dessen analytisches Potential zu erhalten. Auch seien immer alle beteiligten Akteursgruppen zu untersuchen. Offen blieb, wie sich in der anschließenden Diskussion zeigte, wie rassifizierte Gewalt historisch untersucht werden kann. Die bestehenden Konzepte aus dem angloamerikanischen Raum lassen sich aufgrund der spezifischen Ausprägungen des Rassismus nicht ohne Weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen.

Das erste Panel thematisierte zwei bislang historisch kaum untersuchte Berufsgruppen: Kellnerinnen und Hausangestellte. MAREEN HEYING (Düsseldorf) arbeitete die vielgestaltige klassistische und geschlechtsbezogene Gewalt gegen Kellnerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts heraus. Kellnerinnen erlebten einerseits Gewalt und Abhängigkeit von Gästen und Wirten, andererseits waren sie auch den Angriffen der bürgerlichen Frauenbewegung ausgesetzt. In Kampagnen gegen das „Unwesen der Animierkneipen und der Bars“ agitierten Verbände wie der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ gegen Kellnerinnen, die junge „deutsche Männer“ verführen und verderben würden. Von bürgerlichen Kneipenbesuchern und Studenten ausgehende Gewalt gegen Kellnerinnen wurde nicht thematisiert. Man sah den Beruf der Kellnerin als eine Art Vorstufe zur Prostitution und wollte ihn vollständig abschaffen. Ähnlich argumentierte der 1878 gegründete „Deutsche Kellnerverband“, in dem sich männliche Kellner gewerkschaftlich organisierten. Versuche, auch weibliche Kellnerinnen zu organisieren, wurden von Bürgerlichen oder gewerkschaftlich organisierten Berufskollegen gestört. Mareen Heyings Vortrag zeigte die die vielschichtigen Abhängigkeitsverhältnisse der „unterforschten“ Berufsgruppe der Kellnerinnen prägnant auf, machte aber auch Schwierigkeiten des historischen Zugriffs deutlich: Da es kaum Egodokumente der Kellnerinnen selbst gibt, sind alltagsgeschichtliche oder mikrohistorische Zugriffe auf die Lebenswelten dieser Berufsgruppe nur schwer möglich.

Vor einer vergleichbaren Herausforderung stand auch MAREIKE WITKOWSKI (Oldenburg), die sich mit Gewalt gegen Hausangestellte auseinandersetzte. „Dienstmädchen“ und Angestellte in privaten Haushalten waren bis in die 1960er-Jahre eine der größten weiblichen Berufsgruppen in der Bundesrepublik. Die Dienstherren oder -damen sahen sich als Erzieher:innen der meist jungen Frauen, die unter ihrem Dach lebten. Züchtigungen wie Ohrfeigen waren alltäglich und wurde nicht als problematisch angesehen, auch wenn die Preußische Gesindeordnung, die „geringe Tätlichkeiten“ erlaubt hatte, seit 1918 abgeschafft war. Auch für „Dienstmädchen“ liegen kaum Egodokumente vor, Gerichtsakten von einschlägigen Prozessen sind nur in wenigen Fällen erhalten. Auf besonders schwere Misshandlungen von Hausangestellten hatten bereits die Gewerkschaften zu Zeiten der Weimarer Republik hingewiesen, zu Anklagen kam es aber nur in wenigen Fällen – etwa, wenn nach sexuellen Übergriffen ein Kind abgetrieben oder getötet worden war. Übergriffe der Arbeitgeber wurden in der zeitgenössischen Presse als „nicht einwandfreies Verhalten“ oder als „Zudringlichkeiten“ charakterisiert. Grundsätzlich wurde den Hausangestellten unterstellt, sie selbst seien (mit) schuldig an den Übergriffen, ihr Verhalten sei verführend und provozierend.

SOPHIA KUHNLE (Bochum) untersuchte in ihrem Beitrag, wie in der zweiten Frauenbewegung der 1970er-Jahre über sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz berichtet und gesprochen wurde. Hierzu nutzte sie Beiträge in den weitreichenstärksten Zeitschriften der Frauenbewegung, „Emma“ und „Courage“, die zumeist von betroffenen Frauen verfasst und eingeschickt worden waren. Frauen in klassischen „Männerberufen“ berichteten hauptsächlich über verbale Gewalt am Arbeitsplatz. Täter waren vor allem die Kollegen und Ausbilder, aber auch Kunden wurden übergriffig. In den Zuschriften wurde beschrieben, wie durch anzügliche Witze und Anspielungen Scham bei den Kolleginnen hervorgerufen werden sollte, oder das Frauen plump „angemacht“ wurden. Auffallend ist, dass diese Gewalt nicht in erster Linie als „sexuell“ beschrieben wurde, sondern dass die betroffenen Frauen sie als Versuch Hierarchien aufzubauen und aufrechtzuerhalten, interpretierten.

Das zweite Panel der Tagung beschäftigte sich mit Gewalterfahrungen von Prostituierten und Sexarbeiterinnen. Am Beispiel der Frankfurter „Edelprostituierten“ Rosemarie Nitribitt zeigte MONA RUDOLPH (Kiel), in welcher Form Prostituierte sich gegen Gewalt zu wehren und zu schützen versuchten. Rosemarie Nitribitts Alltag, der sich auf Grundlage der Ermittlungsakten im Mordfall Nitribitt von 1957 vergleichsweise gut rekonstruieren lässt, zeigt die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher und medialer Annahme über das Leben einer „Edelprostituierten“ und ihrer tatsächlichen Erfahrung auf. Frau Nitribitt galt als wohlhabend und selbstbestimmt, tatsächlich war sie aber auf jeden Freier angewiesen und lebte dauerhaft in Angst. Überlegungen, die Handlungsmacht und -fähigkeit Rosemarie Nitribitts mit dem aus den postcolonial studies entlehnten Konzept der agency greifbar zu machen, steht Mona Rudolph kritisch gegenüber. Zwar sei die Frage nach agency aufgrund der Machtverhältnisse auf den ersten Blick plausibel, der Handlungsspielraum von Prostituierten sei aber aufgrund der meist selbstgewählten Arbeit und der grundsätzlich transparenten Gesetzeslage nur schwer mit kolonialen Verhältnissen vergleichbar. Allerdings konnten sich Prostituierte durch die gesellschaftliche und rechtliche Ausgrenzung nicht auf staatliche Stellen oder Gewerkschaften verlassen. Als „sittenwidrige“ Tätigkeit war Prostitution nicht als Beruf anerkannt. Auch hier erschweren fehlende Egodokumente nähere Einblicke.

Den historischen und rechtlichen Hintergrund von (migrantischer) Sexarbeit erweiterte ALISHA EDWARDS (Bochum). In einem bundesrepublikanisch-englischem Vergleich stellte sie die diskurs- und rechtshistorischen Grundlagen der Sexarbeiterinnenbewegung dar und wies auf die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Formen der von Sexarbeiterinnen erlebten Gewalt und Diskriminierung hin. Während Mona Rudolph den Quellenbegriff der „Prostitution“ nutzt, plädiert Alisha Edwards für den weiter gefassten Begriff der „Sexarbeit“.

Drei Fallstudien zu Gewalt als Mittel des Arbeitsprotestes wurden im Rahmen des dritten Panels vorgestellt. JOHANNES PLATZ (Köln) thematisierte auf Grundlage von Akten des Bundesvorstands des DGB und der IG Metall Debatten der Gewerkschaften um eine doppelte Problemlage zu Beginn der 1980er-Jahre: Einerseits versuchten die Gewerkschaften gegen die Aussperrungspolitik von Arbeitgebern vorzugehen, andererseits versuchten linksextreme „revolutionäre Zellen“ durch terroristische Anschläge auf Gewerkschaftsfunktionäre Einfluss auf die Gewerkschaftspolitik auszuüben. Höhepunkt dieser Entwicklungen war ein Sprengstoffanschlag auf das Bundesarbeitsgericht (BAG) in Kassel am 23. März 1980, wo über die Rechtmäßigkeit von Aussperrungen verhandelt wurde. Der DGB hatte in den Jahren zuvor eine politische und wissenschaftliche Kampagne gegen die Aussperrungspolitik der Arbeitgeber entwickelt, linksextreme Gruppen empfanden diese Kampagne allerdings als zu bürokratisch und zu „handzahm“. Da sich eine Gruppe, die sich „Revolutionäre Zellen in der IG Metall“ nannte, zu dem Attentat auf das BAG bekannte, stellte sich für die Gewerkschaftsführung die Frage, ob die Täter:innen tatsächlich Mitglieder der IG Metall waren. Johannes Platz charakterisierte nicht nur die terroristischen Anschläge als Form der Gewalt, auch die Aussperrungen seien eine Art „unternehmerischer Sozialgewalt“ gewesen. In welcher Form diese beiden sehr unterschiedlichen Gewaltformen im Verhältnis zueinander standen – und ob sie es überhaupt taten – blieb leider auch im Rahmen der Diskussion offen.

Ähnlich wie die bundesdeutschen Gewerkschaften lehnten auch die meisten italienischen Gewerkschaften Gewalttaten als Mittel des Arbeitskampfes ab, wie JACOPO CIAMMARICONI (Trier) am Beispiel des Italienischen Metallarbeiterverbands (Fim-Cisl) aufzeigte. Während der Verband seit den 1950er-Jahren den „gewaltlosen Massenkampf“ vertrat, flammten in Italien immer wieder gewalttätige Arbeitsproteste auf. Vor dem Hintergrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den 1970er-Jahren suchten die Gewerkschaften nach nicht gewalttätigen Möglichkeiten der Demokratisierung der Wirtschaft. Konservative und Arbeitgeber warfen der Fim-Cisl vor, durch ihre Betriebsratspolitik und Sprache terroristische Gruppen zu bestärken. Demgegenüber verurteilte die Fim-Cisl Gewalttaten und sprach sich für einen „demokratischen gewaltlosen Massenkampf“ und gegen Terrorismus, der subversiv und reaktionär sei, aus. Sie unterschied zwischen notwendigen Konflikten und abzulehnenden Gewalttaten.

Der FDGB als Gewerkschaftsbund der DDR hatte sich nicht mit Gewalt als Mittel von Arbeitsprotesten auseinanderzusetzen. Erst nach seiner Auflösung kam es vereinzelten Ausbrüchen von Gewalt in DDR-Betrieben. Dieser Gewalt im Rahmen der „friedlichen Revolution“ ging JAKOB WARNECKE (Leipzig) am Beispiel des Stahlwerks Henningsdorf nach. Schon im Herbst 1989 sorgten sich die Staatssicherheitsbehörden der DDR um den Schutz von Betrieben, in denen Waffen gelagert wurden. Tatsächlich kam es aber nur in wenigen Fällen zu Angriffen auf Betriebsleitungen und auf SED-Mitglieder sowie zu Vandalismus. Größere und koordinierte Aktionen entstanden erst im Rahmen der Privatisierung von DDR-Betrieben durch die Treuhand. Als das Stahlwerk Henningsdorf 1991 an den Konzern Riva verkauft werden sollte, besetzten etwa 200 Stahlwerker das Werk für knapp zwei Wochen. Im Rahmen der „Wende“ entlud sich Gewalt, so Warneckes Fazit, spontan, nur selten wurde Gewalt gezielt als Protestmittel genutzt. Die „friedliche Revolution“ blieb zum größten Teil eine gewaltfreie Reformbewegung, Einzelbeispiele für Gewaltanwendungen lassen sich aber durchaus finden.

Das vierte und abschließende Panel ergänzte die Tagung durch gegenwartsbezogene Vorträge. Der Soziologe MATTHIAS WEBER (Bielefeld) berichtete über die „symbolische Verletzbarkeit“ von Rettungsdienstmitarbeiter:innen durch verbale Gewalt. Grundlage seiner Ausführungen waren Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu „verbaler Gewalt im Arbeitsalltag im Bürgerkontakt“, in dessen Rahmen qualitative Befragungen durchgeführt wurden. Während die Befragten Copingstrategien für direkte Bedrohungen und Beleidigungen im Rahmen ihrer Tätigkeit entwickelt haben, gehen Respektlosigkeiten, die das professionelle Selbstverständnis der Sanitäter:innen bedrohen, „unter die Haut“. Diese Grenzüberschreitungen, unrealistische Forderungen, Maßregelungen durch Dritte oder das Absprechen von Kompetenz greifen auf Dauer die professionelle „Kern-Identität“ an und entwickeln sich zu so genannten „identity threats“. Unklar blieb, wie diese analytischen Konzepte und Zugriffe der gegenwartsorientierten Soziologie für historische Forschungen nutzbar gemacht werden können.

Auch TINA JUNG (Magdeburg) griff aktuelle Gewaltphänomene aus dem Arbeitsalltag des Gesundheitswesens auf. Gewalt im Rahmen der Geburtshilfe, ambulant oder stationär, werde erst seit etwa zehn Jahren von der Öffentlichkeit wahrgenommen, das Phänomen sei aber keine neue Entwicklung. Durch Personalmangel und Abhängigkeitsverhältnisse habe sich in vielen Krankenhäusern eine Kultur von Mobbing und Angst gebildet, Untersuchungen zeigten zudem, dass Vorkommnisse selten gemeldet werden.3 So habe sich im Kreißsaal ein System entwickelt, in dem verschiedene Formen der Gewalt eng miteinander verwoben sind: Personale Gewalt zwischen Menschen, Zwänge durch institutionelle Vorgaben und strukturelle Gewaltsituationen, denen sich Betroffene nicht entziehen können. Zusätzlich zu den bestehenden gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen ergebe dieses System einen gefährlichen Arbeitsplatz, an dem nicht nur die Beschäftigten leiden, sondern es in Einzelfällen gar zu vermeidbaren Toden von Babys und Müttern kommt.

Berichte über Gewalt in Krankenhäusern und in der Pflege sind immer wieder Themen in den Medien. In Deutschland war hier sicherlich der „Münchner Pflegeskandal“ von 1997 besonders wichtig, durch den der Pflegekritiker Claus Fussek bundesweit bekannt wurde. PIERRE PFÜTSCH (Stuttgart) stellte das 250 Ordner umfassende Archiv Fusseks, in dem Anfragen und Meldungen von Angehörigen und Pfleger:innen aus dem gesamten Bundesgebiet gesammelt sind, vor. Anlass, Herrn Fussek zu schreiben, waren im Regelfall konkrete Erlebnisse psychischer oder physischer Gewalt von Pflegepersonal gegen Patient:innen. Im Rahmen einer Problemgeschichte der Gegenwart kontextualisiert und historisiert Pfütsch die festgehaltenen Einblicke in Pflegemissstände. Sein Ziel ist es, die systemischen Ursachen für Gewalt in der Pflege zu identifizieren und den Diskurs über diese Gewalt greifbar zu machen. Zentral scheint zu sein, dass durch Zeit- und Personalmangel Überforderungen beim Pflegepersonal auftreten und dass aus Kostengründen ungelerntes Personal eingesetzt wird. Insgesamt deprofessionalisiere sich das Berufsfeld auf diese Weise.

Im Rahmen der Tagung wurden die Herausforderungen deutlich, vor denen eine historische (Alltags-)Gewaltforschung steht. Selbstzeugnisse von Menschen, die Gewalt erlebten, sind nur selten erhalten und die behördlichen Dokumente lassen kaum Rückschlüsse auf das Alltagserleben von Gewalt zu. Gewerkschaftsgeschichte kann hier möglicherweise Zugriffe ermöglichen, allerdings waren nur wenige Vorträge originär gewerkschaftshistorisch.
Die Heterogenität und Breite der Gewalterlebnisse erfordert jeweils eigene, auf den konkreten Gegenstand und die konkrete Fragestellung zugeschnittene analytische Zugänge. Gleichzeitig liegen eben hier auch die enormen Potentiale des Themas, wie die sehr unterschiedlichen Beiträge zeigten: durch unterschiedliche Forschungsansätze ließe sich der Wandel von Verständnis, Wahrnehmung und Umgang mit verschiedenen Formen der Gewalt historisieren und so der Fortschrittserzählung der gesellschaftlichen „Pazifizierung“ an die Seite stellen. Notwendig wäre hierzu aber die bereits in der Keynote angemahnte Konkretisierung des Gewaltbegriffs.

Konferenzübersicht:

Michaela Kuhnhenne (Düsseldorf) / Alexandra Jaeger (Bonn): Begrüßung

Nina Kleinöder (Bamberg): Einführung

Keynote
Moderation: Alexandra Jaeger (Bonn)

Klaus Weinhauer (Bielefeld): Interdisziplinäre Perspektiven auf Gewalt am Arbeitsplatz im 20. Jahrhundert. Konzepte – Begriffe – Wandlungen

Panel 1: Sexualisierte Gewalt
Moderation: Nina Kleinöder (Bamberg)

Mareen Heying (Düsseldorf): Die „Kellnerinnenfrage“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mareike Witkowski (Oldenburg): Gewalt am Arbeitsplatz Privathaushalt

Sophia Kuhnle (Bochum): Sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz in der feministischen Presselandschaft der zweiten Frauenbewegung

Panel 2: Gewalt gegen Prostituierte
Moderation: Mareen Heying (Düsseldorf)

Mona Rudolph (Kiel): Gewalt als Zwangsläufigkeit? Prostitution als Profession, die Rolle der Gewerkschaften und die Frage nach Agency am Beispiel Rosemarie Nitribitts in der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre

Alisha Edwards (Bochum): Ebenen der Gewalt für migrantische Sexarbeiterinnen

Panel 3: Gewalt als Protestmittel
Moderation: Sebastian Voigt (München)

Johannes Platz (Köln): „Wer das Geld hat, hat die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht“. Gewerkschaftlicher Kampf gegen Aussperrung als unternehmerische Sozialgewalt und deren linksradikale Herausforderung im März 1980

Jacopo Ciammariconi (Trier): „Una battaglia politica ed ideale“: Gewerkschaftliche Strategien gegen die betriebliche Gewalt im Italien der 1970er Jahre. Der Fall Fim-Cisl.

Jakob Warnecke (Leipzig): Gewalt als Facette der „Friedlichen Revolution“ im ostdeutschen Betrieb im Herbst 1989

Panel 4: Gewalt und Gesundheit
Moderation: Sebastian Knoll-Jung (Bamberg)

Matthias Weber (Bielefeld): Verbale und symbolische Gewalt gegenüber Mitarbeiter:innen von Behörden und Rettungsdiensten

Tina Jung (Magdeburg) via Zoom: Gewalt/System. Institution, Arbeit und Gewalt im Gesundheitswesen am Beispiel Geburtshilfe

Pierre Pfütsch (Stuttgart): Gewalterfahrungen in Pflegeheimen in der jüngsten Zeitgeschichte

Anmerkungen:
1 Trutz von Trotha (Hrsg.), Soziologie der Gewalt (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderhefte 37), Opladen u.a. 1997.
2 Zu prominenten Arbeiten älteren Datums vgl. die Werke Alf Lüdtkes, z.B. Thomas Lindenberger / Alf Lüdtke (Hrsg.), Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit, Frankfurt am Main 1995. Aktuelle Arbeiten, die Gewalt neu kontextualisieren, sind bspw.: Jeremy Milloy, Blood, Sweat, and Fear. Violence at Work in the North American Auto Industry 1960–80, Champaign, IL 2017; Jeremy Milloy / Joan Sangster (Hrsg.), The Violence of Work. New Essays in Canadian and US Labour History, Toronto 2021 sowie Sebastian Knoll-Jung, Vom Schlachtfeld der Arbeit. Aspekte von Männlichkeit in Prävention, Ursachen und Folgenbewältigung von Arbeitsunfällen in Kaiserreich und Weimarer Republik, Stuttgart 2021.
3 Vgl. bspw. The Independant Review of Maternity Services at The Shrewsbury and Telford Hospital NHS Trust (Hrsg.), Findings, Conclusions and Essential Actions From The Independant Review of Maternity Services at The Shrewsbury and Telford Hospital NHS Trust (Ockenden-Report), https://www.ockendenmaternityreview.org.uk/wp-content/uploads/2022/03/FINAL_INDEPENDENT_MATERNITY_REVIEW_OF_MATERNITY_SERVICES_REPORT.pdf (27.12.2023).